Lange Nacht der Kirchen 29.5.2026
Motto: „Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten“ (Lk 20,38)
Dr. Adalbert Pallitsch, BA
Josef Michels: Die Erweckung des Jünglings von Nain
Das Bild und seine inhaltlichen Quellen
Das quer-oblonge Bild des akademischen Malers Josef Michels befindet sich in der Aufbahrungshalle Oggau und überspannt die gesamte Breite der Westwand.

Es handelt sich bei dem Werk um eine Zusammenfügung eines religiösen Historiengemäldes und einer abstrakten Darstellung. In der Renaissance und den nachfolgenden Epochen galt das religiöse Historienbild im Vergleich zu anderen Gemälden als höchste Kunst. Michels hat sein Werk in drei Teile gegliedert. Zentral kommt die Szene der Erweckung des Jünglings von Nain durch Jesus Christus zur Darstellung. Nahtlos schließen sich auf beiden Seitenteilen unregelmäßig geformte Wabenstrukturen an.
Der Künstler schuf sein Werk in mehreren Schichten. Zuerst trugt Michels eine Strukturmasse auf den Bildträger, die eine sichtbare und greifbare Höhe aufweist und dem Bild eine reliefartige Struktur verleiht. Darauf malte der Künstler seine Figuren und die angesprochenen abstrakten Vielecke. Bemerkenswert ist, dass an vielen Stellen, Strukturmasse und gemalte Teile nicht deckungsgleich sind. Dadurch billigt der Künstler beiden Schichten einen Eigenwert zu, der den Betrachter auf eine Entdeckungsreise einlädt.
Ein Relief entsteht, indem ein Künstler von einem Holz- oder Steinblock Material entfernt. Die vorliegende Technik ist ein umgekehrter Schritt. Hier wird nichts weggenommen, sondern Material hinzugefügt.
Dies lässt Assoziationen mit einem Phänomen knüpfen, das man mit dem Fachterminus Palimpsest bezeichnet. Früher war der Beschreibstoff Pergament so teuer, dass man eine einmal beschriebene Seite abwusch und erneut beschrieb. Die vollständige Entfernung der ursprünglichen Schrift gelang oft nur eingeschränkt. Deshalb können heute Wissenschaftler mit technischen Verfahren zwei oder mehr unterschiedliche Geschichten (zumindest in Teilen) auf ein und demselben Beschreibstoff lesen.
So ähnlich kann man das Kunstwerk von Michels auffassen: mehrere Schichten können mehrere Aussagen ermöglichen.
Die Erweckung eines Toten in Naïn (Lukas 7, 11-17, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, 2016)
Kurz darauf ging Jesus in eine Stadt namens Naïn; seine Jünger und eine große Menge folgten ihm. Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, und sie war Witwe. Eine große Menge aus der Stadt begleitete sie. Als der Herr die Witwe sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Wein nicht! Dann trat er heran und berührte den Sarg. Die Träger blieben stehen. Er sagte: Jüngling, ich sage dir: Steh auf! Da setzte sich der Tote auf und begann zu sprechen, und Jesus gab ihn seiner Mutter wieder. Alle wurden von Furcht ergriffen und priesen Gott; sie sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgestanden und Gott hat sich seines Volkes angenommen. Diese Kunde von Jesus verbreitete sich in der ganzen judäischen Gegend und in der ganzen Umgebung.
Michels stellt in seiner Malerei die Figuren als klar umrissene Silhouetten dar, verleiht den Figuren aber durch Licht und Schatten Volumen. Er vermeidet eine klare Darstellung der Gesichter, wodurch der Betrachter weder ihre Mimik erkennen, noch ihre gespiegelten Gefühle interpretieren kann. Vielmehr lässt der Künstler die handelnden Personen durch ihre Körperhaltung und Gestik sprechen. Jesus, der sich beim offenen Sarg niedergelassen hat, deutet mit seiner rechten Hand sanft auf den Jüngling, um unseren Blick auf das Wesentliche zu lenken. Seinen linken Arm hat Jesus auf seinen Oberschenkel gelegt, die linke Hand in Supination tellerartig geöffnet, als ob er für den Jüngling etwas bereithalten würde und/oder von ihm etwas empfangen wollte.
Der Jüngling richtet sich auf. Seine Mutter neigt ihren Kopf zu ihrem Sohn und unterstützt sein Aufrichten durch eine sanfte Berührung seines Rückens. In einem Punkt lässt uns der Künstler etwas im Unklaren. Zwei Hände sind auf der linken Körperseite des Jünglings zu sehen. Eine dieser Hände scheint der Mutter zu gehören, die die Hand ihres Sohnes in Richtung des Heilandes führt. Dadurch erwidert der Jüngling den Zeigegestus des Messias. Eine Parallele zu dem Michelangelofresko in der Sixtinischen Kapelle tut sich auf.[1] So wie der Geist Gottes Adam Leben durch seinen Zeigegestus überträgt, so tritt durch Jesus neues Leben in den Körper des Jünglings von Nain.

Auf beiden Seiten der Szene, als auch im Hintergrund werden viele Menschen Zeugen dieses Wunders. Einer handschriftlichen Beschreibung des Künstlers aus dem Jahre 1974 ist zu entnehmen, dass auf der rechten Seite die Apostel und Apostelinnen, und auf der linken Seite das Volk zu sehen ist[2]. Ein Teil dieser Menschen gehört zum Trauerzug, andere mögen zu den zahlreichen Schaulustigen zählen.
Die Erweckung eines Toten. Natürliche Erklärungsmodelle
Im Laufe meines intensiven Medizinerlebens betreute ich viele Sterbende und führte später bei ihnen die gesetzlich vorgeschriebene Totenbeschau durch. Und fürwahr: alle, die ich nach gründlicher Untersuchung für Tod erklärt habe, sind nicht zum irdischen Leben zurückgekehrt. Es gab aber viele Grenzfälle, wo es gelang, die Schwelle des Todes für eine gewisse Zeit zu durchbrechen. Zwei Beispiele sollen dies erläutern. Der erste Fall soll den Unterschied zwischen klinischem Tod und endgültigen Tod schärfen. Auf der Herzüberwachungsstation kam es bei einem Patienten zu einem Kammerflimmern. Nach kurzer Zeit verlor er sein Bewusstsein und hörte zu atmen auf. Er galt somit als klinisch Tod. Durch eine gelungene Reanimation inklusive eines Elektroschocks schlug er wieder die Augen auf und erfreute sich eines neu gewonnenen Lebens.
Der zweite Fall handelt von einer Nahtoderfahrung. Das Leben einer über 85-jährige Frau, die an zahlreichen Erkrankungen von Lunge, Herz und Gefäßen neigte sich dem Ende zu. Eine lange Betreuung führte zu einem vertrauensvollen Verhältnis. Auch die betreuende Tochter hatte immenses Vertrauen in mich gesetzt, zumal es mehrfach gelang, die Patientin aus misslichen Lagen zu befreien. Eines Tages erlag die Patientin ihren Erkrankungen und verlor das Bewusstsein. Ihr Atem war nur mehr flach wahrnehmbar. Zur Visite gerufen, klärte ich mit der Tochter das weitere Prozedere ab – die Patientin äußerte schon vorher den Wunsch, zuhause sterben zu dürfen – und überlegte, welche Medikamente ihr das Sterben und den Transit in die jenseitige Welt erleichtern könnten. So verabreichte ich Medikamente in Form von Spritzen, die in der Palliativmedizin empfohlen werden. Wie mit der Angehörigen vereinbart, fuhr ich tags darauf zur Visite und erwartete, dass die Patientin inzwischen verstorben sei. Als ich den Raum betrat, sah ich die Patientin im Bett sitzen. Sie fragte mich halb vorwurfsvoll, halb scherzhaft, was ich ihr da gespritzt hätte. Es habe gebrannt wie Feuer und eigentlich sei es da drüben so schön gewesen, dass sie nicht zurückkommen hätte wollen. Mittlerweile gibt es eine umfangreiche Literatur über Nahtoderfahrungen.[3]
Zahlreiche Erkrankungen konnten in früheren Jahrhunderten den Anschein eines Todes erweckt haben. Genauere Diagnostik durch medizinisch-technische Geräte gab es ja nicht. Beispielsweise kann ein Epileptiker durch einen postepileptischen Dämmerzustand für Nichtfachleute einem Todeszustand zum Verwechseln ähnlich erscheinen. Übermäßiger Alkoholkonsum wiederum kann zu einem narkoseähnlichen Zustand führen. Man denke nur an den Lieben Augustin, den man aus Unwissenheit in die Totengrube warf. Im Standartwerk Harrison für Innere Medizin wird in Bezug auf die Todesfeststellung darauf verwiesen: „Gelegentlich können Vergiftungen und Stoffwechselstörungen diesen Status vortäuschen.“[4]
Es gibt Phänomene, die einem Tod täuschend ähnlich sein können. Dazu gehört der Todstellreflex. Wenn ein Mensch in einen ausweglosen, lebensbedrohlichen Zustand gerät, wo ihm weder Flucht oder Kampf möglich ist, dann kann dieser Mensch durch einen übermäßigen Parasympathikus-Reflex Atmung, Kreislauf und Bewusstsein auf ein Minimum reduzieren. All diesen Beispielen ist gemein, dass ein für Tod gehaltener Mensch wieder spontan ins Leben zurückkehren kann.
Offensichtlich waren solche oder ähnliche Phänomene bereits in der Antike bekannt, weshalb man drei Tage wartete, bis man bei einen für verstorben Menschen die Bestattung durchführte.
Die verschiedenen Formen des Todes
Bevor wir das Bild weiter in Augenschein nehmen, wollen ich eine kurze Zusammenfassung unterschiedlicher Todesformen geben.
1. Der körperliche Tod: der Mensch hat verschiedenste Organe. Wenn der Mensch stirbt, kommt es zu einer schrittweisen „Abschaltung“ der Organe. Zuerst stirbt das Gehirn, dann das Herz die Lunge, die Niere u.s.w. Dies ermöglicht ja die Entnahme von Organen, die dann einem anderen Menschen durch Transplantation zur Verfügung gestellt werden können. Zuletzt stirbt die Haut. So kann man beobachten, dass ein verstorbener Mensch noch einen Bartwuchs entwickeln kann.
2. Der seelische Tod: man muss sich vergegenwärtigen, dass unter dem Begriff „Seele“ unterschiedliches verstanden wird. In unserem Fall sind die unterschiedlichen, sehr komplexen Funktionen des Gehirns gemeint, die durch Vererbung, Prägung und Erziehung sich etablieren: Gefühle, Liebe, Hass, Emotionen, Triebe, Tugenden, Gedächtnis, Erinnerung, Freier Wille, u. v. m. Diese stehen in einem unglaublichen komplexen Zusammenhang. Durch Traumata kann es passieren, dass einzelne dieser wichtigen Funktionen absterben. So kann es geschehen, dass Menschen durch massiven Liebesentzug oder durch sexuellen und gewaltbesetzten Missbrauch kein normales Leben mehr führen können. Es steht ihnen zwar der Wille noch zur Verfügung, auf andere wichtige seelische Funktionen haben sie keinen Zugriff mehr. Forschungsergebnisse zeigen eindringlich, wie eng seelisches Leiden und körperliche Erkrankungen inklusive Tod zusammenliegen.[5]
3. Soziales Sterben: In unseren Breiten ist folgender Mechanismus zu beobachten. Bevor ältere Menschen körperlich sterben, werden sie wegen Bettlägerigkeit Zuhause oder in Altersheimen liebevoll gepflegt. Dabei kann es passieren, dass sie irgendwann einmal keine Besuche mehr bekommen. Das Endstadium einer solchen Entwicklung kann Isolation sein. Außenstehende fragen dann oft: „Lebt der/die überhaupt noch?“ Diese Menschen leben körperlich zwar noch, ihr wahres Leben ist lediglich ein trostloses, einsames dahinvegetieren.
4. Umwelt-Sterben: Kein Mensch lebt allein, auch wenn er auf einer einsamen Insel leben würde. Der Grund ist vielschichtig. Auf unserem Körper, in unserem Darm und auch in unseren Organen leben Milliarden von Mikroorganismen, nämlich 10 hoch 14 (das ist eine 1 mit 14 Nullen): Protozoen, Bakterien, Pilze, Viren - sie bilden unser Mikrobiom. Um sich die Zahl ein bisschen besser vorzustellen zu können: in einem Millimeter Dickdarmschleimhaut leben mehr Bakterien, als es Menschen auf unserem Planeten gibt.[6] Es gibt mittlerweile Forschungsergebnisse, die das Mikrobiom auch in unseren Zellen nachgewiesen haben.[7] Das Mikrobiom schützt uns vor krankmachenden Eindringlingen, produzieren wichtige Botenstoffe, Vitamine, Enzyme und andere Bausteine, die für unser Leben lebensnotwendig sind.
Mit der Erde, die uns ernährt, ist es ähnlich bestellt. So leben in einer Handvoll Erde mehr Mikroorganismen, als es Menschen auf unserem Planeten gibt[8]. Ohne diese wäre weder ein Keimen, noch Pflanzenwachstum möglich. Unsere gesamte Umwelt, im Großen wie im Kleinen, und wir Menschen bilden ein eng verflochtenes Ökosystem, in dem jedes mit jedem zusammenhängt. Biodiversität, Wasser, Sauerstoff, Temperatur, Ozon, Kohlendioxyd, Stickstoff u.v.m. müssen in einem richtigen Gleichgewicht stehen. Ansonsten kommt es zu Umweltkatastrophen, die ganze Lebensräume und Lebensgrundlagen vernichten können. Papst Franziskus hat diese Zusammenhänge in seiner Enzyklika Laudato si beschrieben und die Gläubigen eindringlich gebeten, die Schöpfung Gottes zu achten und zu schützen[9]. Überdies hat er mit klaren Worten gesagt, dass vor allem die Ärmsten dieser Welt an Umweltzerstörungen zuerst leiden und sterben werden. Leider ist dieses Szenario bereits Realität geworden. In diesem Zusammenhang soll auch auf einen Artikel der Steyler Missionare vom Jahre 2022 und der profunden Analyse des Klimaforschers Andreas Fink im Anhang hingewiesen werden.
Zusammenfassend soll festgehalten werden, dass Sterben und der Tod auf vielfältige Weise auftreten. Was hätte Jesus dazu gesagt, wenn er heute leben würde? Wie hat er in seiner Zeit reagiert?
Im Zentrum des Bildes von Josef Michels stehen drei Personen: Jesus, der Jüngling auf dem Bett und dessen Mutter. Sie sind halbmondförmig angeordnet und in eine ruhige Atmosphäre getaucht. Der Künstler schrieb: „Was mir vorschwebt ist eine Kunst des Gleichgewichts der Reinheit der Ruhe ohne beunruhigende und ablenkende Gegenständlichkeit.“[10] Dieses Gleichgewicht unter den Personen entsteht, weil sie durch ihre Gestik und ihre Handhaltungen ein Beziehungsgeflecht bilden.
Auch in der Bibelgeschichte ist dieses Beziehungsgeflecht von zentraler Bedeutung.
Wenn das Volk ruft: „Ein großer Prophet ist unter uns erstanden“ dann wird Jesus mit dem Propheten Elija (Elischa) des Ersten Testaments in Beziehung gesetzt, der ebenfalls einen toten Knaben zum Leben erweckte. (2 Kön 4,18-37).
Jesus wird damit als großer Prophet gewürdigt. Für die Christen ist er überdies der Gott des Lebens. Jesus heilte nicht nur Blinde, Lahme, Taube oder Gebrechliche. Er wollte auch den Tod in seinen vielen Fassetten überwinden.
Die Mutter, eine Witwe, verliert nicht nur einen Sohn, sondern auch ihre letzte Chance auf Altersversorgung. Sie ist in einer psychischen Ausnahmesituation, weil sie weiß, dass sie durch den Tod ihres Sohnes verarmen und im sozialen Gefüge weit abrutschen wird. Dies ist eine Form des sozialen Sterbens, wenn sie zur Bettlerin werden muss und dadurch von ihrer Dorfgemeinschaft zunehmend ausgegrenzt und sozial isoliert wird. Durch die Erweckung ihres Sohnes wird ihr drohendes Schicksal abgewendet. Sie wird in das normale Leben zurückgeholt.
Der Jüngling ist in einer besonders schwierigen Situation. Noch bevor er körperlich starb, erkrankte er offensichtlich schwer. Viele Juden waren damals der Auffassung, dass er gesündigt und große Schuld auf sich geladen haben müsse[11]. Möglicherweise haben schon seine Vorfahren ein gravierendes Fehlverhalten an den Tag gelegt, das nun seine Auswirkung habe. Dadurch wird der Jüngling stigmatisiert, ähnlich den AIDS-Kranken unserer Zeit. Von Anderen gemieden zu werden führt zu Kränkung, möglicherweise zur Krankheit und zum Absterben seiner Seele, also ein psychischer Tod. Welches Ausmaß das Absterben wichtiger Funktionen in unserer Seele annehmen kann, kann man an den tragischen Lebensgeschichten von Missbrauchsopfern sehen. Obwohl sie körperlich leben, können viele von ihnen keinen normalen Alltag bestreiten. Teile ihrer Seele wurden stark verletzt, manche Teile sogar „abgetötet“. Durch die Berührung des Propheten Jesu wird der Jüngling entstigmatisiert. Ein neues Leben ist für ihn möglich.
Es gibt also nicht nur einen körperlichen Tod. Auch Teile unserer Person, wie das Seelische oder das soziale Leben können abgetötet werden. Jesus holt in vielen Bibelgeschichten nicht nur körperlich Verstorbene zurück ins Leben. Auch sozial „gestorbene“ Menschen, wie etwa die Leprakranken seiner Zeit, die isoliert in Höhlen dahinvegetieren müssen, schenkt er durch Berührung und Überwindung von sozialen Schranken neues Leben.
Diese Geschichte von der Erweckung des Jünglings weist also zusätzlichen einen allegorischen und anagogischen Sinn auf und stellt die Rettung der Menschen in den Fokus.
Das Abstrakte im Bild. Vom Labyrinth zu den Wohnungen

Stilistisch weisen dieser abstrakten Bildteile Ähnlichkeiten mit einigen Bauwerken von Antonio Gaudi auf. So hat der Architekt bei seiner Casa Batlló oder La Pedera Wohnhäuser entworfen, deren Fassade an ausgeschnittenen Felshöhlen erinnern.[12]

Eine weitere Ähnlichkeit besteht auch zu den Wohnungshöhlen der christlichen Gemeinden in Kappadokien, die sich vor Verfolgung auch in unterirdischen Höhlen zurückzogen.

Die unregelmäßige Wabenstruktur hat in der Entstehungsgeschichte des Bildes einen Wandel erfahren.
In der handschriftlichen Erklärung des Malers ist von einem Labyrinth des Lebens die Rede[13]. Es sind die „Irrwege die uns so viel beteuten und im Grunde nur unsere Mühsal u. Plage sind in denen wier uns irrtümlichweise Weise wohl fühlen.“[14]
Der Maler Christoph Pallitsch hat mit seinem Freund Josef Michels jun. Und dem Tischlermeister Karl Mad bei der Erarbeitung dieser Bildteile mitgeholfen. Er hat mit dem Künstler Josef Michels Senior über seine Vorstellungen gesprochen und ist im Besitz der ersten Studie[15]. In diesem Entwurf ist deutlich zu erkennen, dass der Künstler Michels ursprünglich die Menschengruppen in zwei getrennte Teile anordnet: Den Trauerzug auf der linken Seite ist in dunkle Farben getaucht, die Apostel sind im Licht. Die Wabenstrukturen sind als „dunkle Höhlen“ konzipierte. Michels erklärte seinen Künstlergehilfen, dass hier die Leprakranken von der Bevölkerung abschieden wohnen müssten.
Entwurf

Details aus dem Entwurf
In seinem Schreiben deutet Michels einen neuen Gedankengang an: „Neue erkentnisse haben mich Zu der ausführung des Bildes [Originalfassung] geführt.“[16] Als Esther Pallitsch für ihre Matura im Jahre 2005 eine Fachbereichsarbeit schrieb, wurde dieses Altarbild integriert und mit Prof. Josef Michels über sein Bild gesprochen. Dabei sprach der Künstler kryptisch von „Wohnungen“[17]. In der Tat findet sich im Originalbild offensichtlich ein neuer Gedankenansatz, der sich im Bild wiederfindet.

Entwurf: Linke Bildhälfte
Originalbild: Linke Bildhälfte
Es herrscht in der Endfassung eine deutlich hellere, ocker-braune, erdige Farbstimmung. Diese Aufhellung lässt sich möglicherweise auf Anregungen des Auftraggebers Kanonikus Alfred Hirtenfelder zurückführen. Michels schreibt: „Ich habe meine Arbeit verschiedenen Persönlichkeiten, auch Pfarrseelsorger, gezeigt ….“ [18] Alfred Hirtenfelder galt als ein äußerst positiv denkender Seelsorger. Er wurde nicht müde, in seinen Predigten immer eine freudige Botschaft zu vermitteln. Selbst in seinen Anleitungen zu seinem eigenen Begräbnis und seiner verfügten Grabsteininschrift vermittelte er die frohe Seite der Frohe Botschaft.[19] Aus diesem Grunde erscheint es naheliegend zu sein, dass er einer Darstellung eines dunklen Labyrinths sicherlich nicht viel abgewinnen konnte. Es scheint plausibel, dass er jenes Evangelium im Bild wiederfinden wollte, in dem Jesus den Menschen Hoffnung gibt und verspricht, dass im Hause des himmlischen Vaters viele Wohnungen bereitstehen würden.
Der Evangelist Johannes schreibt:
(Joh 14, 1 - 4, Einheitsübersetzung)
Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr.
Eine weitere Veränderung fügte der Künstler in seiner Endfassung hinzu. In einigen dieser „Wohnungen“ und dazwischen hat Michels rote Kreuze eingeschrieben. Die Gattin des Künstlers Maria Michels weiß zu berichten, dass sie ihr Gatte im Schaffensprozess einmal fragte, wie viele Stationen es beim traditionellen Kreuzgang gebe. Sie gab ihm die Information und so sieht man im Bild vierzehn rote Kreuze, die sich auf die traditionellen Kreuzwegstationen und dem Andachtswesen beziehen.[20]

Das Bild erfährt dadurch eine persönliche Dimension, zumal der Künstler selbst einen langen Kreuzweg in seinem eigenen Leben gehen musste.[21] Michels lebte mit seiner Familie, Freunden und Anverwandten bis zu seinem 15. Lebensjahr im Dorf Batsch Sentivan (St. Johann an der Schanze, heute: Prigrevica). Dieses Dorf lag als deutschsprachige Enklave im heutigen Serbien. Am 15.12. 1945 drangen um Mitternacht bewaffnete Partisanen in die Häuser ein. Lediglich mit einem Nachthemd bekleidet, mussten alle Dorfbewohner barfuß ins Freie treten. Sie wurden in dieser winterlichen Eiseskälte in das Arbeitslager Gakova getrieben. Alte, Kranke und Bettlägerige, die das Haus nicht verlassen konnten, wurden an Ort und Stelle umgebracht. Das Lager Gakova war mit Stacheldraht und einem Graben befestigt. Letzterer diente auch als Massengrab. Zu essen gab es jeden Tag nur ein Stück Maisbrot und eine lautere Suppe aus verfaulenden Bohnen oder Erbsen. Als Glückfall kann gewertet werden, dass einige der Wachen gläubige orthodoxe Christen waren und Mitleid zeigten[22]. Sie verrieten einigen Inhaftierten, wo sich Löcher im Zaun befanden. Dadurch konnten einige ins nächste Dorf betteln gehen. Die Mutter vom jungen Josef musste bei einem Partisanenführer arbeiten, wurde dort oftmals mutwillig verdroschen. Der Vater des jungen Michels konnte im Lager aus Holz Schuhe schnitzen. Eines Tages gelang die Flucht aus dem Lager. Mit einem Boot überquerten die Flüchtlinge Theiss und Donau und die Familie landete in Ungarn, wo sie sich durch Arbeit selbst versorgen konnten. Als die Kommunisten in Ungarn die Macht an sich rissen, wurden die Batschka-Deutschen auf Lastwagen gepfercht und an die österreichische Grenze verfrachtet. Der junge Michels infizierte sich im sumpfigen Gebiet mit Malaria. Durch wiederholte hohe Fieberschübe wurde er Zusehens geschwächt und verlor das Bewusstsein. Im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Eisenstadt nahm man sich seiner an und therapierte ihn kostenlos. Schlussendlich konnte er wie durch ein Wunder geheilt entlassen werden. In Schützen wohnte die Familie im „Halterhaus“ und bekam beim Malermeister Sarotni Arbeit. Letztendlich gelangten sie nach Oggau, wo sie ein neues Leben aufbauen konnten.
Um zu den eigenhändigen Erklärungen des Künstlers zurückzukehren: wenn Michels von Irrgängen des Lebens spricht, die letztlich nur „Mühsal und Plage“ sind, dann sollte eine weitere Überlegung erlaubt sein. Die Lagerinnsaßen, die überlebt hatten, berichteten oft von Schuldgefühlen gegenüber jenen, die es nicht geschafft haben. In lebensbedrohlichen Situationen kann es schon einmal Auseinandersetzungen über ein Stück Brot gegeben haben. Auch Viktor Frankel berichtet, dass es unter den eigenen, jüdischen Kapos welche gegeben hat, die ein unmenschliches Verhalten an den Mitgefangenen an den Tag legten, nur um selbst zu überleben.[23] Solche Erfahrungen verursachen bei allen Beteiligten ein Leben lang Flash-backs. Welche Dämonen also der junge Michels in sein Unterbewusstsein einsperren musste, wissen wir nicht. Aber die Möglichkeit solcher Erlebnisse können in Betracht gezogen werden.
Man muss die abstrakten Wabenstrukturen im Bild als sich überschichtenden Ideen auffassen: Irrgänge des Lebens, Labyrinth, Höhlen für Leprakranke, Kreuzgang und Wohnungen im Himmel. Ähnlich einem Palimpsest wurden die ersten Ideen abgeändert, umgedeutet und letztendlich neu konzipiert. Dies bedeutet, dass es nicht DIE einzig richtige Erklärung gibt. Sie würde dem Entstehungsprozess des Bildes nicht gerecht werden.
Lichtmystik
Ein Drittes scheint einen Einfluss auf die Malerei genommen zu haben.
Michels beleuchtet die Szenerie aus zwei Perspektiven. Die Figuren selbst werden von einem matten, irdischen Licht beleuchtet, wodurch die Protagonisten differenzierbar werden. Viel kräftiger ist ein hellstrahlendes, himmlisches Licht, das von hinten und oben kommt, die Szenerie de facto in ein Gegenlicht taucht und durch sein helles Gelb und Weiß einen Nimbus um das Haupt des Messias bildet.
Die symbolische Gleichsetzung des christlichen Gottes mit dem Licht ist in christlicher Theologie, in vielen kultischen Handlungen und in der christlichen Kunst auf vielfältige Weise gegeben. So wird in der Osterliturgie das Lumen Christi besungen. Die Kirchen sind in aller Regel geostet, da von dort der Sonnenaufgang kommt und der Parusie (der Wiedererscheinung Christi) gleichgesetzt wird. Auch die lichtdurchfluteten Wände gotischer Kirchenbauten haben ihren geistigen Ursprung in der Lichtmystik eines Pseudo-Dionysius Aeropagitas.[24] Nicht nur Gott, sondern auch die Gläubigen werden als Kinder des göttlichen Lichtes aufgefasst.
Paulus schreibt an seine Gemeinde in Ephesos (Epheserbrief 5, 8 – 14):
Schwestern und Brüder! Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Lebt als Kinder des Lichts! Denn das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor.
Dies wird auch im Bild ersichtlich, stehen einige der Menschen im Hintergrund bereits im Licht.
Der Schreiber der Geschichte „Die Erweckung des Jünglings von Nain
Der Evangelist Lukas schrieb diese Geschichte im Zeitraum 90 n.Chr. nieder. Die Bibelwissenschaft ist sich sicher, dass Lukas Jesus nie persönlich begegnet ist[25]. Seine Texte stützten sich auf die vorher geschriebenen, synoptischen Evangelien von Markus und Matthäus. Da Lukas als einziger Evangelist die Geschichte der Erweckung des Jünglings von Nain schildert, muss er zusätzlich über andere Quellen verfügt haben. Die anderen Evangelisten schildern nämlich diese Geschichte nicht. Damit stellt sich die Frage, welche besondere Bedeutung dieser Geschichte innewohnt und wem sie Lukas besonders ans Herz legen wollte.
Lukas schrieb sein Evangelium primär für Heidenchristen und für eine gebildete, griechisch sprechende Leserschaft. Möglicherweise wollte Lukas an die Vorstellungswelt der Griechen anknüpfen.
Jesus, Asklepios und Hermes
In der paganen Religion und griechischen Glaubenswelt spielt der Götterbote Hermes eine zentrale Rolle[26]. Ausgestattet mit Flügelhelm und Flügelschuhen konnte Hermes vom Olymp, dem Sitz der Götter, auf die Erde herunter- und wieder hinauffahren. Hermes hielt in seinen Händen einen Caduceusstab (Kerykeron), ein Wunderstab aus zweit Schlangen und 2 Flügeln.

Mit diesem konnte er Menschen berühren, sie dadurch in Schlaf versetzen oder sogar den ewigen Schlaf, also den Tod, herbeiführen. Asklepios, der Gott der Heilkunst wiederum, trug einen Äskulapstab, um den sich eine Schlange herumwand. Mit diesem konnte er Heilen und Tote erwecken. In so manchen Mythen konnten also die Griechen Jesus wiederfinden. Auch Jesus stieg ähnlich wie Hermes vom Himmel herab und fuhr in diesen hinauf. Diese Bibelgeschichte führte aber den Hellenen klar vor Augen, dass Jesus offensichtlich stärker ist, als alle paganen Götter. Er benötigte weder Zauber- oder Heilstäbe. Seine Hinwendung und sein Wort genügten, um Lahme, Blinde und Taube zu heilen und sogar Tote zu erwecken.
Exkurs: Die komplexe Überlieferung der Evangelien und ihre Fallstricke.
Jesus sprach zu den Zeitgenossen in einem galiläischen Dialekt der Aramäischen Sprache, die zur semitischen Sprachfamilie gehört. Ein bekanntes Beispiel: „Eli, Eli, lama sabachthani.“
Die Berichte über Jesus und seine Worte wurden ursprünglich mündlich weitergegeben. Von 50 n. Chr. bis 120 n Chr. wurden die Ereignisse und die Worte Jesu in Koine niedergeschrieben. Koine ist eine hellenistische Umgangssprache, also ein altgriechischer Dialekt.
Im späten 4. Jahrhundert übersetzte Hieronimus erstmals die Bibel ins Lateinische. Einige Jahre später revidierte er teilweise seine Übersetzung und schuf die Vulgata.
Im 15. Jahrhundert wurde die Bibel erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt. Zahlreiche weitere Übersetzungen folgten.
Einige Fallstricke stecken in dieser Entstehungsgeschichte der deutschsprachigen Bibel.
1. Jesus und seine Hörerschaft sprachen nicht nur aramäisch, sondern lebten und dachten auch in dieser Sprache. So könnte man das aramäische Wort „Abba“ mit „Papa“ übersetzen[27]. Es ist ein Kosename für den unaussprechlichen Gott, der das Bild eines liebevollen, sich um seine Kinder kümmernden Gott vermittelt. Übersetzt man dieses Wort ins Deutsche mit „Vater“, so hat dieses Wort in vielen Kulturkreisen und Epochen einen ganz anderen Klang. In der Neuzeit assoziierten die Menschen das Wort „Vater“ mit einem strengen Mann, der seinen Kindern distanziert begegnet, mussten doch die Kinder „Herr Vater“ sagen. Ein solcher Vater war streng, übte das Züchtigungsrecht aus und verdrosch bisweilen seine Kinder.
2. Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag soll verdeutlichen, dass ein ins Deutsche übersetzter Satz unterschiedliche Aussagen enthalten kann, obwohl man die ganz gleichen Worte verwendet. „Bist du deppat!“ will wohl Verwunderung zum Ausdruck bringen. Dieselben Worte, aber in anderer Reihenfolge: „Du bist deppat“ ist eindeutig eine Beschimpfung.
Jesus zitiert Texte des Ersten Testaments und nimmt Bezug darauf
Das Hellenistische Judentum entstand nach den Eroberungszügen des Makedoniers Alexander der Große um 300 Jahre vor Christi Geburt. Viele Juden integrierten Sprache, Denkweise und Kultur der Griechen in ihre jüdische Religion und verstanden dies als positiven Modernisierungsschub. Die hebräischen Texte des ersten Testaments wurden durch 70 Gelehrte ins Griechische übersetzt, die als Septuaginta LXX bezeichnet wird. Auch die Gruppierung um Jesus gehörten zu dieser Reformgruppe. Konservative Kreise wollten dagegen nur hebräische Texte akzeptieren und fassten diese in der Tora zusammen. Damit standen sich bereits in der Zeit Jesu zwei Denkschulen gegenüber, die im Ersten Testament manchmal unterschiedliche Texte, Formulierungen und damit unterschiedliche Auffassungen vorfanden.[28] Man sollte nicht vergessen: die Bibel, die Jesus verwendete und daraus schöpfte, war dieses Erste Testament. Die Bibelschreiber des Zweiten Testaments verwendeten für ihre Zitate oder theologischen Aussagen diese Septuaginta, also die griechische Übersetzung.
Nicht einfacher ist die Entstehungsgeschichte des Zweiten Testaments. Es gibt Hinweise, dass manche Texte später eingefügt wurden. So wird in Fachkreisen diskutiert, ob nicht der Text über das „Schweigegebot für Frauen“ im Korintherbrief (Paulus) ursprünglich ein Randkommentar war, der später in den Fließtext übernommen wurde.[29]
Neben der Übersetzung ist die Auslegung der Bibeltexte von enormer Wichtigkeit. Bereits Origenes (185 – 254) wies im 3. Jahrhundert darauf hin, dass in den Texten nicht nur ein wort-wörtlicher Sinn steckt. Man müsse auch den allegorischen Sinn und den anagogischen Sinn suchen und erkennen.
Heute hat sich die historisch-kritische Bibelforschung und Bibelauslegung durchgesetzt, die mit wissenschaftlichen Methoden und Fakten die Entstehung per se, den Autor und dessen Umfeld und den historischen Kontext erforschen will, um einer Bibelstelle in ihrem ursprünglich gemeinten Sinn nahezukommen. Nur so ist eine allgemein akzeptierte Übersetzung und wahrheitsgetreue Auslegung (Exegese) möglich. Daraus erwuchs die Einheitsübersetzung. Um diesem ursprünglich gemeinten Sinn eines Bibeltextes näher zu kommen, bedienen sich die Bibelforschen heute des Dialoges mit den jüdischen Gelehrten, denn Jesus und seine Anhängerschaft waren Juden und lebten in der jüdischen Tradition.
Kanon der Bücher
Sowohl das Erste als auch das Zweite Testament bestehen aus Büchern, die zu unterschiedlichen Zeiten und Kontexten entstanden und geschrieben wurden. Dadurch ergeben sich Aussagen, die sich überlagern, verstärken und manchmal sogar widersprechen. Es gibt eine große Zahl an Schriften, die nicht in unserer Bibel wiederzufinden sind. Welche Bücher in das jeweilige Testament aufzunehmen sind und welche ausgesondert werden müssen war ein Prozess im 2. und 3. Jahrhundert, den man Kanonisierung nennt[30]. sind menschliche Entscheidungen der Gläubigen. Dies nennt man Kanonisierung. Es gibt viele Evangelien, die bewusst nicht in die Bibel aufgenommen wurden. Man spricht von Apokryphen Evangelien. Für Kunstgeschichtsforscher sind diese jedoch von großer Bedeutung, weil viele Kunstwerke ihren Inhalt aus diesen Apokryphen bezogen haben.
Was die Bibelschreiber wollen und was sie nicht wollen
Eine zentrale Erkenntnis der kritischen Bibelforschung sollte immer im Hinterkopf mitgedacht werden: die Bibel will kein Wissenschaftsbuch sein. Auch wollten die Autoren kein genaues Geschichtsbuch schreiben, wo minutiös Zeit, Ort und Handlung festgehalten wird. Was die Bibelautoren aber vermitteln wollen, sind die zentralen Aussagen und Botschaften des Jesus von Nazareth. Ob sie diese durch Geschichten, Allegorien, Gleichnissen Sprüchen, Predigten und sonstigen literarischen Handgriffen vermitteln, ist zweitrangig.
Verfälschungen der Bibel
An absurden Bibelauslegungen mangelt es nicht. Es sollen drei groteske Spitzen des Eisberges stellvertretend herausgegriffen werden.
In der Zeit des Nationalsozialismus blühte eine Vereinigung mit dem Namen „Deutsche Christen“ Sie verfolgte das Ziel, das Christentum zu „entjudaisieren“ und die Bibel von jüdischen Begriffen und Inhalten zu säubern. So mutierte Jesus zu einem Arier und wurde bestenfalls mit „Galiläer“ übersetzt. In Eisenach wurde für dieses Unterfangen 1939 ein theologisches Entjudungsinstitut gegründet, um die Bibel umzuschreiben. Als führende Persönlichkeit galt der protestantische NS-Theologe Walter Grundmann (1906 – 1976).
In der heutigen Zeit ist die Gesellschaft durch viele Informationsplattformen pseudochristlichen Einflüssen ausgesetzt. Diese gehen von einigen Technokonzernen des Silicon Valey und seinen Milliardären aus. Einer davon ist Peter Thiel (geb.1967), der christlich- fundamentalistische Ansichten zugeneigt ist und beispielsweise in den Klimaaktivisten den Antichristen sieht. Sein Netzwerk reicht vom US-Präsident Donald Trump, Vizepräsidenten J.D. Vance, Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz bis zu einem Zisterziensermönch in Heiligen Kreuz mit dem Namen Edmund Waldstein[31]. Der Einfluss auf rechtspopulistische Politiker in den USA sollte nicht unterschätzt werden. Mit Verweis auf die Bibel wollen sie so manche inhumane Aktivität legitimieren. Papst Leo XIV sah sich im April 2026 gezwungen, klar gegen die Rhetorik und den Machenschaften des amerikanischen Präsidenten Donald Trump Stellung zu beziehen mit dem Hinweis, dass niemand Bibelworte für seine Zwecke missbräuchlich verwenden darf.[32]
Wie ein Krebsgeschwür verbreitet sich auch in Europa in national-konservativen Politikerkreisen die Uminterpretation der Bibel. Die Botschaft der Bergpredigt wird kurzerhand durch eine Hetze gegen nicht-nationale Menschen ersetzt. So weiß beispielsweise der katholische Theologe aus Ungarn János Widmann zu berichten, dass es einen humanistischen Apell von Papst Franziskus und des ungarischen Bischofs Miklós Beer von Vác gab, zumindest einige Flüchtlinge in ungarischen Gemeinden aufzunehmen. Von 200 Pfarren mit ihren Seelsorgern reagierte eine einzige Gemeinde.[33] Diese musste jedoch wegen massiver Intervention von Lokalpolitikern das Vorhaben rasch ad acta legen. Dass solches Verhalten mehr der Ideologie von Viktor Orbán mit seinem illiberalen Demokratieverständnis inklusive des Überstülpens eines christlichen Deckmantels folgt, als der Botschaft der Bibel, versteht sich von selbst.
Was ist nun die „wahre Bibel“?
Die kanonisierte Bibel entstand mit einem Wort nicht, indem Gott den Evangelisten die Bibel quasi diktiert hat. Sie sind aber von Gott inspiriert. Theologen formulieren es heute so: Die Texte sind Gottes Wort aus Menschenmund.
Exkurs 2: Zur Auffassung von Schuld, Sünde, Krankheit und Tod im Christentum
Es soll vorausgeschickt werden, dass das Erklärungsmodell, der Mensch würde deshalb krank werden und zu Tode kommen, weil er Schuld und Sünde auf sich geladen habe, einen über viele Jahrhunderte umfassenden Prozess durchlaufen hat. Aus dem ursprünglichen Text des Genesisgeschichte (Gen 1-3) von der Paradiesvertreibung ist explizit weder von Teufel, Sünde, Hölle oder Tod zu lesen.[34] Dies mag vielleicht eine verwirrende Aussage sein, wurde doch immer in der kirchlichen Theologie von „Sündenfall“ gesprochen. Erst 100 Jahre vor Christus mutmaßt der Autor des griechisch verfassten Buches der Weisheit (2,23-24), dass der Tod durch die Sünde in die Welt kam. Dies bedeutet, dass Jesus und seine Anhängerschaft in einer Zeit lebten, in der diese Denkweise verbreitet war. Auch der Apostel Paulus greift im Römerbrief diese Interpretation auf, wenn er schreibt: „Deshalb, gleichwie durch einen Menschen Adam die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod auf alle Menschen übergegangen ist…“ (Röm 5,12).[35] Nachfolgend kam es in der christlichen Theologie zu einem immer dichteren Verknüpfen von Schuld und Krankheit. Die entwickelte Typologie der christlichen Theologen, wonach Adam und Eva als erste Menschen die Sünde in die Welt setzten, die erst Jesus Christus getilgt habe, förderte die Verknüpfung von Sünde und Tod. Eva wurde zur Antitypus der Eva, die deren Verschulden tilgte, indem sie die Schlage zertrat. Die Kirchenväter, allen voran Augustinus, erfanden das Bild der Erbsünde, die so nie in der Bibel stand. Mit vielen Aussagen erreichten sie die Grenze des Zynismus, wenn sie beispielsweise Gott unterschoben, es sei sein Wille, dass der Mensch „Schmerzen haben müsse“. Dies zeigt sich an der Erbsündenlehre des Augustinus, die ein unverdauliches Konglomerat an Frau, Sünde, Tod und Strafe darstellt und die schmerzhaften Geburtswehen als Strafe für die erste Sünde (von Eva) interpretiert.[36]
Für unser Verständnis sei noch einmal auf die Zeit der Abfassung des Lukasevangeliums mit der Geschichte des Jünglings von Nain verwiesen. Die Meinung vieler Zeitgenossen Jesu war, dass es einen Zusammenhang von Sünde und Verschulden einerseits und Krankheit und Tod andererseits gab. Das lässt aber gleichzeitig bewusstwerden, dass die Berichte über Jesus, die von Heilung, Befreiung von üblen Krankheiten bis hin zur Überwindung des Todes ein Gegenpol zu dieser Weltsicht darstellen.
Anhang: handschriftliche Notizen zum Bild aus dem Jahre 1974
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Anhang 2: Klimawandel und Tod





Literatur:
Handschriftliche Erklärung des Künstlers, 1974.
Pierluigi de Vecchi, Die Sixtinische Kapelle. Das Meisterwerk Michelangelos erstrahlt in neuem Glanz, München 2001.
Raymond Moody, Leben nach dem Tod.
Bernhard Jakoby, Auch du lebst ewig. Die Ergebnisse der modernen Sterbeforschung, mit einem Vorwort Elisabeth Kübler-Ross.
Harrisons Innere Medizin, Italien 1995.
Stefan Hammer, Eine zerstörte mikrobielle Vielfalt, in: Hausarzt Juli/August 2021.
Neeße/C. Ammer-Hermenau, neue Erkenntnisse zu Mikrobiom und Erkrankung der Bauchspeicheldrüse in: Jatros 1/2024.
Univie, Universität Wien April – Oktober 2023.
Papst Franziskus, Enzyklika Laudato si und apostolisches Schreiben: Laudate deum.
Juan-Eduardo Cirlot, Gaudi. Una introducción a su arquitectura, Barcelona 2003.
Interviews mit Zeitzeugen: Gespräche mit Maria Michels, Christoph Pallitsch.
Adalbert Pallitsch, Alfred Hirtenfelder. Die Tradition geachtet – in der Zukunft gelebt, Oberwart 2020.
Katharina Ceming/Jürgen Werlitz, Die verbotenen Evangelien. Apokryphe Schriften.
Günter Stemberger/Mirjam Prager, Bibel in Wort und Bild, Band 6. Kommentar: Das Evangelium nach Lukas. Der Verfasser uns sein Werk. S. 2443 – 2445
Nack/Wägner, Hellas, Wien/Heidlberg 1975.
Paul Petzel/Norbert Reck (hgg.), Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer aufklären – das Judentum verstehen, Ostfildern 2021.
Hildegard Scherer, Ohne Worte in: Thomas Hieke/Konrad Huber (Hrsg.), Bibel falsch verstanden. Stuttgart 2023.
Michael Holzer/Klaus Haselböck, Berg und Sinn. Im Nachstieg von Viktor Frankl, Salzburg/München 2019.
Frank Beat Keller (Hg.), krank warum? Ostfildern 1995.
Zeitschriften: Martinus, Furche
[1] Pierluigi de Vecchi, Die Sixtinische Kapelle. Das Meisterwerk Michelangelos erstrahlt in neuem Glanz, München 2001, S. 163 - 169
[2] Handschriftliche Erklärung des Künstlers, 1974, S.3.
[3] Ausgewählte Literatur ist zu diesem Thema: Raymond Moody, Leben nach dem Tod. Bernhard Jakoby, Auch du lebst ewig. Die Ergebnisse der modernen Sterbeforschung, mit einem Vorwort Elisabeth Kübler-Ross.
[4] Vgl. Harrisons Innere Medizin, Italien 1995, S.8.
[5] Elisabeth Schönherr, Die Psyche und das Herz, S. 19 -20. In: Günter Krejs/Daniel Scherr (Hgg.), Universum Innere Medizin 3/26. Psychosoziale Stressoren wie Arbeitslosigkeit, niedriger sozioökonomischer Status, soziale Diskriminierung, Stigmatisierung, Kindheits- und Beziehungstraumata, Vereinsamung und soziale Isolation können neuroendokrine Veränderungen und Inflammationsaktivierung herbeiführen und zu kardiovaskulären Events führen. In 35 % aller kardialen Events liegt eine Depression vor. Angst und Depression gelten als Risikofaktoren für Herzinfarkt. Bis zu 9-mal häufiger treten bei solchen Patienten Infarkte und emotional stressinduziertes Tako-Tsubo-Syndrom auf.
[6] Stefan Hammer, Eine zerstörte mikrobielle Vielfalt, in: Hausarzt Juli/August 2021, S 6 – 13.
[7] A. Neeße/C. Ammer-Hermenau, neue Erkenntnisse zu Mikrobiom und Erkrankung der Bauchspeicheldrüse in: Jatros 1/2024, S.21 - 23
[8] Univie, Universität Wien April – Oktober 2023, S. 8 -12.
[9] Papst Franziskus, Enzyklika Laudato si und das apostolisches Schreiben Laudate deum.
[10] Handschriftliche Erklärung des Künstlers, 1974, S. 3 -4.
[11] Zur Entwicklung der Verquickung von Sünde, Schuld einerseits und Krankheit und Tod andererseits wird auf den Exkurs und die angeführte Literatur verwiesen.
[12] Vgl. Juan-Eduardo Cirlot, Gaudi. Una introducción a su arquitectura, Barcelona 2003.
[13] Handschriftliche Erklärung des Künstlers, 1974, S.3.
[14] Zitiert nach der Handschrift, S. 3.
[15] Gespräch mit Christoph Pallitsch fand am 13.4.2026 statt.
[16] Zitiert nach der Handschrift, S.3.
[17] Die Fachbereichsarbeit wurde im Jahre 2005 verfasst. Das Gespräch fand in diesem Jahr statt.
[18] Zitiert nach der Handschrift, S. 1.
[19] Vgl. Adalbert Pallitsch, Alfred Hirtenfelder. Die Tradition geachtet – in der Zukunft gelebt, Oberwart 2020.
[20] Das Gespräch mit Maria Michels fand am 12. 4.2026 statt.
[21] Nachfolgende Geschichte wurde von der Gattin Maria Michels im Beisein der Schwiegertochter Charlotte Michels am 12.4.2026 erzählt.
[22] Vgl. Michael Holzer/Klaus Haselböck, Berg und Sinn. Im Nachstieg von Viktor Frankl, Salzburg/München 2019, S. 133. Dieser Teil der Schilderung weist Parallelen zu den Schilderungen des Der KZ -Überlebenden, Arzt und Psychoanalytiker Viktor Frankl auf. Er hat mehrfach betont, dass es auch unter den SS-Leuten, selten aber doch Menschen gab, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Häftlingen halfen.
[23] Ebd.
[24] Vgl. Barbara Schedl, Die Kunst der Gotik, Wien/Köln 2023, S. 27.Pseudo Dionysios Aeropagita sprach von Gott als unfassbares, unerreichtes Licht.
[25] Vgl.Katharina Ceming/Jürgen Werlitz, Die verbotenen Evangelien. Apokryphe Schriften, S. 22 – 24. Die Theologie des Lukas ist mit der Frage der Parusie verbunden. Da die ersten Zeitzeugen ein Kommen des Reiches in unmittelbarer zeitlicher Nähe erwarteten, kam es durch das Nichteintreten des Adventus sekundus zu einer Krise in der nächsten Generation. Lukas will diese Menschen stärken. Vgl. auch: Günter Stemberger/Mirjam Prager, Bibel in Wort und Bild, Band 6. Kommentar: Das Evangelium nach Lukas. Der Verfasser uns sein Werk. S. 2443 - 2445
[26] Vgl. Nack/Wägner, Hellas, Wien/Heidlberg 1975, S. 37 – 38. S. 225 - 226.
[27] Vgl. Paul Petzel/Norbert Reck (hgg.), Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer aufklären – das Judentum verstehen, Ostfildern 2021, S. 19.
[28] Hellenistisches Judentum S. 86 -89. In: Paul Petzel/Norbert Reck (Hg.), Von Abba bis Zorn Gottes, Ostfildern 2021.
[29] Vgl. Hildegard Scherer, Ohne Worte in: Thomas Hieke/Konrad Huber (Hrsg.), Bibel falsch verstanden. Stuttgart 2023, S.267.
[30] Vgl. Katharina Ceming/Jürgen Werlitz, Die verbotenen Evangelien. Apokryphe Schriften, Augsburg 1999, S. 29 – 50.
[31] Vgl. Zahlreiche Artikel in der Furche.
[32] Kirchenzeitung Martinus vom 19.4.2026, S. 4. Trump postete ein KI-generiertes Bild, das ihn offenbar als christusähnlichen Erlöser darstellen sollte.
[33] Kirchenzeitung Martinus vom 19.4.2026, S. 8 -9.
[34] Vgl. Veronika Bachmann, Adam und Eva – durch Satan zu Fall gebracht? S. 48 – 55. In: Thomas Hieke/Konrad Huber (Hrsg.), Bibel Falsch verstanden.
[35] Vgl. Herbert Vorkrimmler, Die Erbsünde – kirchliche und päpstliche Erklärung für alle Übel, S. 52 – 57. In: Frank Beat Keller (Hg.), krank warum? Ostfildern 1995.
[36] Vgl. Ilse Müller, Menschlicher Schmerz als Wille Gottes? S. 56- 63, in: Thomas Hieke/Konrad Huber (Hrsg.), Bibel Falsch verstanden.